"Come Get Your Honey": Endstation Berlin – wie sieht der Alltag von trans* und queeren Flüchtlingen

This review was originally published on GQ Deutschland

by Verena Aichinger


Der Bildband “Come Get Your Honey” des Fotografen Samet Durgun zeigt das Leben von LGBTQIA+ Geflüchteten und Asylsuchenden in Berlin. Seine Fotos demonstrieren die Widerstandsfähigkeit, Schönheit und Stärke einer Community, die sich vom freigeistigen Image Berlins eine bessere Zukunft erhofft.

A scene from a video shooting in Berlin, where a group of gender-nonconforming, trans* and queer refugee and asylum-seeking artists reenacts their arrival in Germany.
Reenactment of an Arrival, 2019. Credit: Samet Durgun

Samet Durgun ist ein Berliner. Genauer gesagt, ein Türke mit deutschem Pass und abchasischen Wurzeln, der mit einer alleinerziehenden Mutter in Adana, Türkei aufwuchs und der sich selbst als agnostisch und queer bezeichnet. Sein Talent zum Fotografieren führte ihn schließlich an die Universität der Künste nach Berlin. Eine Stadt, die er nicht mehr loslassen wollte, die ihn wie eine alte Freundin aufnahm und jeden so zu akzeptieren schien, wer oder wie man sein mochte.


Dort begann er an einem Fotoprojekt zu arbeiten, das nun als Bildband im Kehrer Verlag erscheint. “Come Get Your Honey” ist nicht nur ein Song von der bei in der LGBTQIA- Community geschätzten Sängerin Robyn, sondern auch die visuelle Erzählung von trans* und queeren Geflüchteten aus der ganzen Welt, die in Berlin gestrandet sind und auf eine Zukunft ohne politische Verfolgung hoffen. Die Ästhetik der Stadt und ihre permanenten Veränderungsprozesse von Gentrifizierung zur Diversifizierung durch Zuwanderung bilden die Hintergrundkulisse der Bühne für die porträtierten Bewohner:innen. The stage is yours!


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Samet Durgun folgt in “Come Get Your Honey” den Menschen in ihre Welt, begegnet ihnen auf Augenhöhe, geht Freundschaften ein. Seine Bilder zeigen komplexe, menschliche Wesen, die ihre neue Heimat in einem fremden Land suchen ohne sie auf ihr Leid zu reduzieren oder ihren Daseinskampf zu romantisieren.


Samet Dugrun über seinen Bildband “Come Get Your Honey”


Über seine Fotoarbeit sagt Durgun: “Mein Ansatz ist, die Komplexität zu würdigen und danach zu streben, Individuen in ihrer Ganzheit abzubilden und sich gegenseitig "auf Augenhöhe" zu betrachten. Die Arbeit spiegelt meine Beziehungen und meinen Eindruck von ihren Geschichten wider. Es ist also doch sehr subjektiv.” (Auch interessant: Pride Month – diese LGBTQ+-Serien machen jeden süchtig)

Berlin als Stadt der Emanzipation, Freiheit und ausgelebte Individualität dient als Dreh- und Angelpunkt für das Setting der Fotos. Aus diversen historischen Gründen gibt es in Berlin eine der wenigen, europäischen Unterkünfte speziell für LGBTQIA+ Flüchtlinge und Asylsuchende. Durgun folgt mit seiner Kamera einigen Mitglieder:innen aus dieser Community und dokumentiert ihren Alltag, ihre Rituale und Interaktionen. Das internationale Asyl-System ist in vielerlei Hinsicht extrem hetero/cis-zentriert, in dem queere Antragsteller:innen häufig untergehen oder queer-politische Hintergründe weniger Beachtung finden. Die Menschen aus dem Bildband “Come Get Your Honey” sind in Berlin, weil sie dort leben wollen und weil sie die infrastrukturelle Unterstützung in Anspruch nehmen, die die Stadt ihnen bietet.


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Wie schon die amerikanische Fotografin Nan Goldin in den 1970ern (Nan Goldin,“The Other Side”) vor ihm, begibt sich auch Durgun aus Faszination und Identitätssuche in die Welt der Suchenden. Die Fotos berühren, weil sie intime Schnappschüsse und Porträts aus einer marginalisierten Community zeigen, die für viele Mitmenschen noch immer unsichtbar ist. Gleichzeitig demonstrieren die Aufnahmen die Stärke und Widerstandsfähigkeit dieser Menschen, die hoffen in Berlin eine neue Heimat zu finden.


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